Was passiert, wenn Remote Hiring zur Norm geworden ist?

Als jemand, der seit Jahren Remote Hiring und Video Recruiting propagiert, ist das Jahr 2020 das Jahr, in dem sich die Dinge zum Guten gewendet haben. Niemand fragt mehr, ob Videos im Einstellungsprozess eine Rolle spielen könnten oder nicht. Da (fast alle oder zumindest vorzugsweise so viele wie möglich) Einstellungen remote erfolgen, sind alle Fragen zur Relevanz von Video verschwunden. Das erinnerte mich an eine Studie, die wir in den frühen Tagen von Cammio in Auftrag gegeben haben und in der wir herausgefunden haben, dass 90 Prozent der Hiring Manager ausschließlich traditionelle Bewerbungsgespräche geführt haben.  Für uns als Gründer war dieser ‘Blue Ocean’ natürlich eine großartige Wachstumsperspektive. Im Jahr 2020 wurde der Markt über Nacht reif.

Die Antwort auf die Frage: „Warum sollte ich mir für ein einstündiges Vorstellungsgespräch einen ganzen Arbeitstag frei nehmen?“ ist im Jahr 2020 eindeutig beantwortet worden. Es besteht absolut keine Notwendigkeit. Die COVID-19-Pandemie mit all ihren schrecklichen Auswirkungen auf das Privatleben, die Gesundheit und die Lebensgrundlagen auf der ganzen Welt hilft uns dabei, auch bei einigen anderen arbeitsbezogenen Fragen eine andere Perspektive zu sehen. „Warum stehe ich jeden Tag im Stau und verschmutze die Luft mit meinem Auto?“ oder „Was ist eigentlich genau der Zweck eines Büros?„.

Ich persönlich habe einige neue Erkenntnisse über das Arbeiten aus dem Home-Office aus gewonnen und kam mir eigentlich ziemlich dumm vor, dass mir das in den letzten Jahren nicht früher klar geworden ist. In unserem Team bei Cammio hatten wir schon immer die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, so oft und wann immer wir wollten (… Mit Urlaubstagen gehen wir übrigens genauso um). Und trotzdem war ich Anfang diesen Jahres oft im Büro und habe versucht, etwas zu erledigen, telefoniert und mich gleichzeitig vor Unterbrechungen irgendwo in einer Ecke versteckt. Warum habe ich diese Fokus-Tage nicht einfach zu Hause verbracht und bin nur dann ins Büro gegangen, wenn ich offen war, Kollegen zu treffen, mich auszutauschen und mitzugestalten?

Meine wohlbegründete Vermutung ist, dass Du, als Recruiter oder Personalchef, bei Vorstellungsgesprächen wahrscheinlich genauso denkst. Warum jeden Bewerber persönlich treffen? Warum nicht einige Vorstellungsgespräche in 10 Minuten führen? Warum eine begrenzte Anzahl von Bewerbern treffen, wenn Du mehr Talente kennenlernen kannst, ohne insgesamt mehr Zeit aufzuwenden? Warum nicht remote und online? Wir alle sind Opfer von eingefahrenen Verhaltensmustern, die über längere Zeiträume hinweg entstanden sind, und es erfordert auch einen längeren Zeitraum, diese Muster zu durchbrechen. Jetzt, da die Pandemie für die meisten Menschen leider schon seit über 6 Monaten Teil ihres Lebens ist, können sich neue Muster einleben.

Lustigerweise lautete im Jahr 2013, als wir gerade als Unternehmen gegründet wurden, die Frage, die mir bei fast jedem Treffen mit potenziellen Kunden, Investoren oder Kollegen gestellt wurde: „Was ist der Unterschied zu Skype? Inzwischen taucht die Frage wieder immer öfter auf und Skype wurde durch Zoom und Teams ersetzt. Die Antwort bleibt jedoch unverändert und konzentriert sich auf die Zweckmäßigkeit. Meine Kollegin Annie hat gerade einen Blog zu diesem Thema veröffentlicht, den ich empfehlen kann.

Wenn alle sich an remote Hiring gewöhnt haben und wir gelernt haben, über einen längeren Zeitraum mit neuen Mustern zu leben, entsteht Raum für Reflektion und einen ganz neuen Aufbau von Prozessen. Es ist eine Chance Recruiting Prozesse neu zu gestalten und die Dinge, die wir viel zu lange mit uns herumgetragen haben, hinter uns lassen. Wir können die neue Welt des Recruitings umarmen, in der Zeit und Talent schwerer wiegen als die Geschichte eines Kandidaten oder die Bindung an einen physischen Ort. Unser Einstellungsbereich wird sich dramatisch ausweiten. Warum nicht einen Kollegen remote einstellen? Unsere Teams werden sich geografisch verstreuten, weil Kollegen die Stadt für mehr Wohnraum verlassen werden. Wir werden uns treffen, wann wir wollen, aber weniger Bedürfnis haben, die ganze Zeit im selben Büro anwesend zu sein. All dies wird sowohl die Arbeit auf Abstand als auch das remote Hiring von neuen Kollegen erleichtern.

Nachdem ich seit Jahren über remote Recruiting gepredigt habe, wünschte ich, ich wäre schon früher bereit gewesen, mit eingefahrenen Arbeitsmustern zu brechen. Die Pandemie, mit all ihren schrecklichen Folgen, birgt auch einige wertvolle Lehren. Wir sollten aufeinander aufpassen, um diese Pandemie gemeinsam und solidarisch zu überstehen, und die daraus gezogenen Lehren aufgreifen, um einen Blick auf die neuen Möglichkeiten zu werfen, die sich uns bieten.

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